Newsrooms aus aller Welt und ihr Umgang mit der Coronakrise

COVID-19: Wie Newsrooms weltweit mit der Coronakrise umgehen

Newsrooms in aller Welt standen im Frühjahr 2020 auf einmal vor einer besonderen Heraus­forderung. Das Coronavirus erzwang ein Umdenken und neue Arbeitsformen. Wir zeigen, warum besonders in Krisenzeiten die virtuelle Infrastruktur stimmen muss und wie Newsrooms in verschiedenen Ländern der Coronakrise trotzen.

Dieser Artikel ist in der dritten Ausgabe unseres Magazins Corporate Newsroom erschienen, das ab sofort als kostenfreier Download zu Verfügung steht.

Die Coronakrise verdeutlicht, welche Newsrooms virtuell gut aufgestellt sind

Plötzlich stürmen drei kleine Kinder herein. Mitten in die Redaktions­konferenz. Der CvD entschuldigt sich und schließt die Büro- bzw. Küchentür. Seine Kolleginnen und Kollegen haben Verständnis. Auch sie sitzen während der Coronakrise auf Balkonen, in Wohn-, Schlaf- oder Kinderzimmern und erledigen ihre Arbeit von zuhause.

Wir alle haben uns irgendwie arrangiert mit einer Situation, die uns vor besondere Heraus­forderungen stellt. Als von heute auf morgen komplette Belegschaften von Unternehmen nach Hause geschickt wurden, mussten wir uns neu organisieren.

Trotz und wegen dieser Ausnahmesituation wurde von Unternehmens­kommunikation und Marketing erwartet, handlungsschnell zu sein und eine professionelle Krisen­kommunikation nach innen und außen zu betreiben. Dabei wurde deutlich, warum einige besser mit der Situation zurechtkommen als andere. Im Kern geht es um die Frage der digitalen Kollaboration und ob der Newsroom nicht nur physisch, sondern auch virtuell gut aufgestellt ist.

Ein Merkmal vieler Newsrooms ist die räumliche Nähe in einem Großraumbüro. Auch wenn diese nicht mehr gegeben ist, muss die reibungslose Abstimmung gewährleistet sein. Redaktions­­konferenzen per Videoschalte sind nur ein Aspekt.

Es geht um den standortunabhängigen Zugang zu allen redaktionellen Inhalten und Dateien, um den Einsatz von Projektmanagementsoftware und Messengerdiensten für die tägliche Aufgaben­planung und um eine transparente Redaktionsplanung. Dabei muss – auch außerhalb einer Pandemie – ein zentraler Redaktionskalender die „Single Source of Truth“ für alle Kommunikations­maßnahmen sein.

Wir haben im Folgenden einige Beispiele aus der ganzen Welt gesammelt. Sie illustrieren, wie Newsrooms der Coronakrise trotzen.

Newsrooms und das Coronavirus

Wir zeigen, wie die Newsrooms führender Medienhäuser, wie dpa, Sport1, ZiB2 und CNN, Politik, Wirtschaft und Bildung der Coronakrise trotzen und darüber auf ihren Social-Media-Kanälen berichten.

dpa-Newsroom fast ohne Mitarbeiter

Der wohl wichtigste Newsroom der Republik ist verwaist. Nur Froben Homburger und einige Zuarbeiter sind noch in der Zentrale der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Alle übrigen arbeiten von unterwegs oder zu Hause. Über Twitter verbreitet der Newsroom-Chef dieses Bild mit Eintracht-Frankfurt-Hoodie: „An Tag 9 der @dpa-Newsroom-Corontäne fallen alle modischen Hemmungen.“ 

Sport-Redaktionen machen frei

Mit dem Rhein-Derby zwischen Köln und Mönchengladbach fand Anfang März das erste Geisterspiel der Bundesliga statt. Kurz darauf wurde nahezu über alle Sportarten hinweg der Spielbetrieb vollständig eingestellt. Das bedeutet Homeoffice, freie Tage und Urlaub für die Mitarbeiter des TV-Senders Sport1. Chefredakteur Pit Gottschalk zeigt ein Foto aus dem weitgehend leeren Newsroom in Ismaning – nur ganz im Hintergrund hält ein einzelner Kollege die Stellung.

Das Kabinett von Boris Johnson

9.15 Uhr, das Kabinett des britischen Premiers Boris Johnson tagt mithilfe der Konferenzsoftware Zoom. Alle Kabinettsmitglieder sind auf stumm geschaltet, einzig im Kabinettssaal in Downing Street leuchtet die Konferenzanlage grün, und der Premierminister erläutert seine Sicht der Dinge. Auf Twitter änderte er seinen Namen in „Boris Johnson #StayHomeSaveLives“.

Der Europäische Rat virtuell

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit Leo Varadkar, dem Premierminister Irlands. Ein Stapel Bücher und ein Pappkarton stabilisieren die Kamera, man hat fürs Gespräch mit dem European Council erkennbar improvisiert. Die Kanzlerin selbst ist telefonisch zugeschaltet. Auch sie bleibt zeitweise zu Hause und sendet statt des regelmäßigen YouTube-Videos fortan per Podcast ihre Erklärungen an die Bundesbürger.

Auf Feldbetten in der Redaktion eingesperrt

Armin Wolf, Moderator der österreichischen Nachrichtensendung Zeit im Bild 2 (ZiB2), ist mit seinen Kollegen in die Isolation gewechselt. Für zwei Wochen hat sich das Team freiwillig in der Redaktion einsperren lassen, „aber das ist keine Klassenfahrt“. Alle Mitarbeiter, von der Regie über die Kameraleute, Grafiker, Moderatoren und Sendeleitung, wurden negativ auf das Coronavirus getestet. Dennoch gilt: Niemand kommt mehr rein oder raus, übernachtet wird im Büro.

Auf seinem Blog berichtete Armin Wolf ausführlich aus der „Corona-WG“.

Der Nachrichtenmann in Jeans

In Jeans ist CNN-Anchorman Wolf Blitzer normalerweise nur auf seltenen Aufnahmen zu sehen – während der Coronakrise postet der erste Nachrichtenmann des US-Senders aber dieses Foto aus dem Situation Room, wie die Amerikaner ihren Newsroom nennen. Ein Detail deutet auf ein verbreitetes Newsroom-Problem hin: verschwundene Stühle. „Bitte keine Stühle entfernen. Ernsthaft. Entfernen Sie keine Stühle“, heißt es auf den Bürostühlen des „Decision Desks“.

Schulunterricht online

Tools wie Alfaview und die Moodle-App helfen beim Schulunterricht. Weil im ganzen Land die Schulen wegen der Coronakrise geschlossen sind, müssen Lehrer improvisieren. Viele versenden Aufgaben per E-Mail, manche experimentieren mit Konferenz-Apps. Im Nacken sitzen ihnen dabei häufig Datenschutzbeauftragte, die die Nutzung einiger Programme als problematisch ansehen. 

Spontane Hilfe aus China beim TÜV

Beim TÜV Rheinland freut man sich über Post aus China. Kollegen aus Fernost haben spontan 100 Gesichtsschutzmasken nach Köln geschickt. Auch der Newsroom des TÜV schwenkt thematisch auf das Coronavirus-Thema, gibt Tipps für die Arbeit zu Hause, startet ein Coronavirus-Tagebuch und erläutert die erschwerten Bedingungen, unter denen der TÜV weiterhin Produkte prüft.

Die Beispiele zeigen: Wer seinen Newsroom bereits vor der Coronakrise virtuell gut aufgestellt hatte, konnte sich den Umständen entsprechend gut auf die neue Situation einstellen. Für alle anderen ist die Erkenntnis, dass Investitionen in die Infrastruktur für digitale Kollaboration unumgänglich sind, eine der wichtigsten Konsequenzen des Coronavirus.

Wenn Sie weitere anschauliche Praxisberichte und Interviews mit Marketing- und Kommunikationsexperten lesen möchten, laden Sie unser kostenfreies Magazin Corporate Newsroom herunter.


Sascha Böhr

Gründer und CEO der Social-Media-Agentur 247GRAD und von dirico.io. Experte für digitale Kommunikation und Corporate Newsrooms.

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